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Arte Hotel Bregaglia 2012 (Projekt-Seite)

Hotel Bregaglia, Promontogno CH
3. Juni bis 29. September 2012

Curator: Luciano Fasciati, Céline Gaillard (Assistance)

Artists: Judith Albert, Evelina Cajacob, Gabriela Gerber & Lukas Bardill, Conrad J. Godly, Isabelle Krieg, Roman Signer, Jules Spinatsch und Wiedemann/Mettler, Remo Albert Alig, huber.huber Gaudenz Signorell, Not Vital

Was 2010 als einmaliges Kunstprojekt im in seiner Zeit stehen gebliebenen Hotel Bregaglia im südlichen bündnerischen Alpenraum begonnen hatte, hat sich im Verlauf der vergangenen zwei Sommersaisons zu einem grossen Kulturereignis entwickelt, das hallendes Echo nach sich zog. Die Ausstellung ‚Arte Hotel Bregaglia’ eröffnete am 27. Juni 2010 und führte den BesucherInnen die Geschichte des seit 1875 bestehenden Hotels Bregaglia mittels der Auseinandersetzung durch zeitgenössische Kunst vor Augen. Das Hotel Bregaglia ist eines der wenigen Hotels, die noch weitgehend im Originalzustand verblieben sind. Seinen ganz eigenen Charme durch dieses Verharren in der Belle Époque, das teilweise in enorm vielfältigem und vielfarbigem Intérieur verschwand, wirkte auf die Besucher anziehend und skurril zugleich.
Der Erfolg der Ausstellung in Hinsicht auf die Schweizer Kunstszene misst sich in der Qualität dieser Ortsspezifizität: der Spannung, die sich durch die Positionen ergaben, die sich mitten in hochalpiner Umgebung zu Zeitfragen stellten.
Die Kunst belebte das Hotel. Die Interventionen, die sich 2011 zu den bestehenden Positionen gesellten, griffen denn auch die Veränderung des vergangenen Jahres auf und gingen mit der Zeit mit.
Die zeitgenössischen Positionen von mittlerweile dreizehn Künstlerinnen, Künstlern und Künstlerpaaren decken Verborgenes und Vergessenes aus der bald 140-jährigen Geschichte des Hotel Bregaglia auf, schlagen Brücken zu der Zeit der Belle Époque und ziehen Verbindungen ins Heute.

Im vergangenen Sommer stellten huber.huber, die Künstlerzwillinge aus Zürich, in der Ausstellung Arte Hotel Bregaglia in Promontogno eine beobachtbare Zucht von künstlichen Kristallen aus: Während der Ausstellungsdauer wuchsen anfänglich winzige Salzkristalle zu stattlichen Kristallen an. In ‚Mischkristalle, 2012’ verbinden huber.huber die Kristallerzeugnisse mit natürlichen Kristallen. Sie führen damit nicht nur ihr Projekt von 2011 in Hinblick auf die Entwicklung ihres Schaffens weiter, sondern die Mischkristalle sind auch eine von vier neuen Werkbeiträgen, die zusammen mit den bestehenden Interventionen in der Verlängerung der Ausstellung Arte Hotel Bregaglia gezeigt werden. Gleichzeitig begleitet eine neue Kristallzucht die Sommersaison 2012.

Kristallzucht 2011/2012
Die Installation von huber.huber scheint aus einem Labor zu stammen. In einem Metallgestell stehen je vier Zylindergläser auf fünf Regalen. In den Gläsern befindet sich eine Wasser-Salzlösung, mit der Kristalle gezüchtet werden: An einem dünnen Faden ist ein winziger Salzkristall befestigt, der in der Lösung während der Ausstellungsdauer zu einem stattlichen Kristall heranwächst. Die Installation macht ein künstlich initiiertes Naturphänomen beobachtbar. Bis zum Saisonende wird in jedem Glas ein künstlicher Kristall entstanden sein, was in der Natur viel langsamer vonstatten geht.
Die Arbeit thematisiert jedoch nicht nur die Relativität der Zeit, sondern setzt sich auch mit Klischees des touristischen Alpenraums auseinander. Die Laborinstallation mit ihrer Industriegestalt bewirkt im Hotel Bregaglia, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, Irritation und zugleich Faszination. Als Ausgangspunkt für Wanderungen stellt das Hotel ein Tor zu den Bergen dar. Sicher sind hier schon viele Strahler abgestiegen, die in der felsigen Umgebung nach Kristallen gesucht haben.
huber.huber nutzen den Effekt der Verfremdung, indem sie Labormobiliar in das heimelige Hotelambiente stellen, um auf das Verhältnis von Mensch und Natur einzugehen, um das ihr vielschichtiges Schaffen kreist. Ihr Interesse gilt dabei der ein-fachen Naturbeobachtung ebenso wie dem Phänomen der Überzüchtung, durch das sich der Mensch die Erde untertan macht.
Die Kunstschaffenden nehmen dabei eine besondere Stellung ein, da sie diese Phänomene einerseits reflektieren und sich andererseits seit Anbeginn als Schöpfer betätigen – durchaus auch nach der Natur, wovon Ovids Pygmalion beredtes Zeugnis ablegt. Bei der Zucht von Kristallen geht es um den rein ästhetischen Wert und um den Ehrgeiz, es der Natur gleichtun zu können oder sie gar zu übertreffen. Im Fall der Kristalle gelingt Letzteres sicher in zeitlicher Hinsicht. Die Faszination geht von der Findigkeit des Menschen und seiner Macht über die Natur aus, die er sich unter vielem anderen durch Gentechnologie und Zuchtexperimente aneignet. (Arte Hotel Bregaglia; Céline Gaillard)

Human-Made (Crystals) 2011
Neun Kohlezeichnungen von huber.huber bespielen den Frühstücksraum. Diese zeigen Kristalle, die ähnlich wie in einer wissenschaftlichen Abbildung erscheinen. Die angewandte Kohletechnik kommt der fotographischen Ästhetik sehr nahe. Wissenschaftliche Abbildungen erheben den Anspruch, eine Naturerscheinung präzise wiederzugeben; die human-made crystals von huber.huber sind jedoch nicht Abbildungen der Natur sondern des Eingriffes des Menschen in die Natur. Die Basis für die Zeichnungen bildeten nämlich Fotografien von Hobbykristallzüchtern.
Die einzelnen Zeichnungen unterscheiden sich durch ihre Form, ihre Positionen und die verschieden kräftige Farbgebung des Hintergrundes. Allen gemeinsam ist die eckige Grundform mit ihren Kanten, die durch die Lichtreflexion und die Weichheit der Kohle relativiert wird. Manche Kristalle scheinen förmlich in der Luft zu schweben. Jeder gezüchtete Kristall ist einzigartig und unterscheidet sich von den anderen; ähnlich wie die DNA des Menschen. Auch werden „Fehler“ sichtlich – nicht glatte Oberflächen oder andere Unreinheiten, die in ihrer natürlichen Erscheinung durch die Lichtreflektion kaum zum Vorschein treten. Was den Zeichnungen bleibt, ist eine traumhaft skurrile Erscheinung, wie aus einer geheimnisvoll entrückten Welt – eine Welt der Wissenschaft, der Züchtung und Manipulation, aber zugleich des Traumes und des Ehrgeizes nach perfekter Schönheit. So ist durch huber.huber einmal mehr ein poetisches, klares und kluges Werk zum Thema der Korrelation des Menschen und der Natur entstanden, das durch die Lokation in der friedvollen und entspannten Umgebung des Hotelfrühstücksraums eine spannende Zusammensetzung erfährt. (Arte Hotel Bregaglia; Céline Gaillard)

Mischkristalle 2012
Die Installation – ein Schaukasten mit sieben horizontalen Fächern, in denen Kristalle ordentlich nebeneinander aufgereiht sind – könnte aus einem Souvenirshop in einem alpinen Touristenort stammen. Anziehend wirkt nicht nur diese anschauliche, ja klassisch-museale Präsentation – den Hintergrund bildet zudem eine Kohlezeichnung eines künstlichen Kristalls, wie huber.huber sie ausserdem im Frühstückszimmer des Hotels zeigen –, sondern auch die ungewöhnliche Formenvielfalt der einzelnen Objekte. Denn der Schaukasten beherbergt keine gewöhnlichen Bergkristalle, sondern Mischkristalle: Die 43 präsentierten Objekte sind Zusammensetzungen von natürlich entstandenen Bergkristallen und den Zuchtkristallen, die huber.huber im Sommer 2011 während der Ausstellung «Arte Hotel Bregaglia» künstlich gezüchtet haben. Mit dieser Kristallzucht, die 2012 in einer neuen Form wiederholt wird, machten sie einen ganz besonderen Wachstumsprozess in der Natur für die AusstellungsbesucherInnen beobachtbar, der die beiden Künstler interessiert. Gleichzeitig hinterfragten sie damit den wissenschaftlichen Ehrgeiz der Menschen, sich die Erde untertan zu machen. Die Findigkeit des Menschen, der die Natur imitiert und sich durch Gentechnologie und Zuchtexperimente zum Schöpfer aufschwingt, fasziniert – wirft aber auch viele Fragen auf.
Ihre letztjährige Versuchsanordnung fortsetzend, sind huber.huber nun dazu übergegangen, das natürlich Entstandene und das künstlich Erzeugte sichtbar eine Verbindung eingehen zu lassen. Diese Mischkristalle sind aber streng genommen keine Kristalle mehr, denn Kristalle sind chemisch und physikalisch einheitlich. Werden solche Mischkristalle nun aber klassisch zur Schau gestellt, verschaffen sie uns nicht wie gewohnt einen naturkundlichen Überblick, sondern verdeutlichen das menschliche Streben nach immer neuen Formen, Verbindungen und Erfindungen. Das Kreieren neuer Objektformen, die sich hier in reichster Vielfalt ausprägen, ist auch in der Kunst spätestens seit der Abstraktion der 1950er-Jahre ein stetes Thema. (Arte Hotel Bregaglia; Céline Gaillard)

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